Die Jugend der Gemeinde Schüttringen. Entwicklungen und Perspektiven


Zielsetzung

Die Studie ist Teil des Jugendkommunalplans für die Gemeinde Schüttringen und hat zum Ziel, zu einem besseren Verständnis der Jugendlichen in der Gemeinde beitragen. Die Ergebnisse der Studie bilden eine wichtige Informations‐ und Diskussionsgrundlage für die zukünftige Planung und Umsetzung der kommunalen Jugendpolitik. Entsprechend ist die Studie als Situations‐ und Bedarfsanalyse konzipiert. Im Mittelpunkt stehen das Freizeitverhalten und die Freizeitinteressen der Jugendlichen. Weitere wichtige Aspekte sind die Lebenswelten und sozialen Herkunftsmilieus der Jugendlichen und die daraus resultierenden Startbedingungen, Lebensentwürfe und Zukunftsperspektiven. Nicht zuletzt interessiert auch die Frage, wie die Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft in die Gemeinde integriert sind, wie zufrieden sie mit den Angeboten und Infrastrukturen in der Gemeinde sind und welche Möglichkeiten der Partizipation für sie wichtig sind.


Helmut Willems(Leitung) | Lisa Kremer | Andreas Heinen

Universität Luxemburg | Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse in Luxemburg (MENJE)| Gemeinde Schuttrange


2014

Datengrundlage und Methodik

Die Studie basiert auf einer Reihe von Daten- und Informationsquellen, die mit verschiedenen Verfahren und methodischen Zugängen erhoben wurden:

  1. In einer Sozialraumanalyse wurde eine auf Sekundärdaten basierende Beschreibung der Gemeinde und ihrer Bevölkerung entlang verschiedener Dimensionen erstellt. Durch das gewonnene Wissen über Altersstruktur, Nationalitäten, Bildungs- und Berufstruktur konnten die sozialräumlichen und milieuspezifischen Kontexte und Hintergründe des jugendlichen Alltagslebens beschrieben werden.
  2. In Gruppendiskussionen mit „Jugendexperten“, also Akteure der ehrenamtlichen und professionellen Arbeit mit Jugendlichen in Mersch, wurden wichtige Themen und Fragestellungen identifiziert, die im weiteren Forschungsdesign aufgegriffen wurden.
  3. In einer Online-Umfrage wurden freizeitbezogene Interessenlagen, Erwartungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren erfasst. Ziel war eine umfassende Darstellung der Verteilung der Freizeitmotive, -interessen und -aktivitäten der Jugendlichen und eine Analyse der soziologischen Bestimmungsfaktoren (soziales Milieu, Alter, Nationalität, Geschlecht usw.).
  4. Das jugendliche Freizeitverhalten wurde in Gruppendiskussionen mit Jugendlichen untersucht. Durch die Berücksichtung der Perspektive der Jugendlichen konnten auch subjektive Sichtweisen, Einstellungen und Probemlagen erfasst werden.

Diese vier methodischen Zugänge zur Datenerhebung liefern dem Konzept der „mixed-methods“ folgend die Grundlage für die weitere Datenanalyse und Interpretation, die im Forschungsbericht des Projekts zusammenfassend dargestellt sind.

Ergebnisse


Unterschiedliche Kontexte des Aufwachsens und der sozialen Herkunft

Die Ergebnisse haben gezeigt, dass sich die Bevölkerungsstruktur der Gemeinde Schüttringen durch eine hohe Nationalitätenvielfalt auszeichnet. Ein großer Teil der Einwohner, insbesondere der jugendlichen Bevölkerung, hat keine luxemburgische Nationalität. Neben den klassischen Arbeitsmigranten aus Portugal und den angrenzenden Grenzregionen sind in den vergangenen Jahren auch viele Menschen aus anderen europäischen Ländern in die Gemeinde immigriert. Dies hat dazu geführt, dass das Umfeld in dem Jugendliche aufwachsen, durch eine große ethnische und sprachliche Heterogenität gekennzeichnet ist.
In Bezug auf den sozialen Status der Bevölkerung wurde deutlich, dass die Bevölkerung der Gemeinde Schüttringen insgesamt einen vergleichsweise hohen Status aufweist. Im Vergleich zum Landesdurchschnitt zeigen die Ergebnisse für Schüttringen einen hohen Bildungs‐ und Berufsstatus sowie Wohlstand der Wohnbevölkerung. Allerdings zeigen sich hier auch soziale Ungleichheiten etwa bei einem Blick auf die Verteilung der Bildungsabschlüsse nach Nationalitätengruppen. So haben die Einwohner mit portugiesischer Nationalität häufiger einen niedrigeren Bildungsabschluss als die Einwohner mit luxemburgischer, deutscher, französischer und belgischer Nationalität. Dennoch scheint eine sozioökonomische Segmentierung entlang nationaler Zugehörigkeiten, wie sie für viele andere Landesteile festgestellt werden kann, in der Gemeinde Schüttringen nur sehr gering ausgeprägt zu sein.

Vielfältige Freizeitaktivitäten und seltene Freizeitprobleme

Die Jugendlichen der Gemeinde Schüttringen zeigen ein ausgeprägtes und vielfältiges Freizeitverhalten. Einen hohen Stellenwert haben Medien (insbesondere neue Medien), aber auch das Zusammensein mit Freunden und die sportlichen Aktivitäten. Auch individuelle Aktivitäten, bei denen die Jugendlichen zuhause entspannen können, sind den Jugendlichen wichtig. Freizeit findet für einen Großteil der Jugendlichen in festen Strukturen, wie dem Jugendhaus oder den Vereinen, statt. Die Freizeit draußen, auf der Straße oder an öffentlichen Orten zu verbringen, ist dabei weniger wichtig. Jugendliche verbringen ihre Freizeit häufig zusammen mit Freunden, bei jemandem zuhause oder in Luxemburg‐Stadt.
Mobilität hat eine hohe Bedeutung für Jugendliche. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Jugendliche in ihrer Freizeit sehr mobil sind, was ihrem Bedürfnis nach Selbstbestimmung besonders entgegen kommt. In dem Zusammenhang hat sich auch gezeigt, dass die Angebote des öffentlichen Verkehrs in der Gemeinde Schüttringen, sowie die Vernetzung der verschiedenen Ortschaften, von vielen Jugendlichen sehr kritisch betrachtet werden. Zwar sind die Jugendlichen froh über die bestehenden Transportmöglichkeiten, würden sich aber u.a. mehr Fahrradwege zwischen den Dörfern der Gemeinde und einen regelmäßigeren, besser ausgebauten Busverkehr wünschen. Freizeitprobleme oder Risikoverhalten von Jugendlichen betrifft offenbar nur eine kleine Gruppe. Gewalt oder Vandalismus von Jugendlichen scheint in der Gemeinde kein oder ein sehr seltenes Problem zu sein. Was den Konsum illegaler Substanzen betrifft gibt immerhin ein Fünftel der Jugendlichen an, bereits einmal konsumiert zu haben. Allerdings ist die Zahl der Jugendlichen, die regelmäßig Drogen konsumieren, sehr gering. Eine vergleichsweise große Gruppe (ungefähr jeder siebte Jugendliche) gibt an, häufig zu viel Alkohol zu konsumieren. Mit Blick auf die möglichen Folgen sollte diesem Risikoverhalten eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Hohe Bedeutung der neuen Medien

Die neuen Unterhaltungs‐ und Kommunikationsmedien wie Computer, Tablet, Internet und Handy oder Smartphone sind nicht mehr aus dem Alltag der Jugendlichen wegzudenken. Sie werden von fast allen Jugendlichen täglich genutzt. Die Mediennutzung beeinflusst die Freizeit der Jugendlichen stark und verändert auch die Art ihrer Beziehungen und der Kommunikation mit ihrem sozialen Umfeld. So stehen Jugendliche heute im ständigen Austausch mit ihren Freunden und nutzen soziale Netzwerke um in Kontakt zu bleiben. Das Internet wird zudem nicht nur als Informationsquelle genutzt, sondern zur Planung von Veranstaltungen oder spontanten Aktionen (wie z.B. politische Proteste). Im Bereich der Jugendarbeit ist es besonders wichtig die hohe Bedeutung dieser neuen Medien zu nutzen.

Vereine und Jugendhaus als zentrale Akteure der Jugendarbeit

Die Gemeinde Schüttringen verfügt über ein vielfältiges Vereinsangebot, das von vielen Jugendlichen genutzt (48,8% Vereinsmitgliedschaft) und allgemein positiv bewertet wird. Das hohe Engagement der Jugendlichen in Vereinen kann als positiver Indikator der gesellschaftlichen Teilhabe von Jugendlichen gewertet werden. Das Potenzial der Vereine als Ort der Integration und der Partizipation in der Gemeinde ist allerdings in Schüttringen noch nicht voll ausgeschöpft. Wie in anderen ländlichen Gegenden auch stellt man fest, dass eine kleine Zahl an Einwohnern vielseitig engagiert ist und verschiedene verantwortliche Funktionen übernimmt, während eine großer Teil der Bevölkerung zu dieser Art von Engagement nur schwer Zugang findet. In vielen Vereinen sind bestimmte jugendliche Teilgruppen unterrepräsentiert: weibliche, ältere und vor allem nichtluxemburgische Jugendliche sind vergleichsweise selten in einem Verein aktiv.
Das Jugendhaus als einzige Einrichtung der offenen Jugendarbeit ist ein unerlässliches Angebot in der Gemeinde und wird von den Jugendlichen und Experten als sehr positiv bewertet. Allerdings spricht das Angebot des Jugendhauses derzeit vor allem luxemburgische Jugendliche an. Gerade vor dem Hintergrund der zentralen integrativen Funktion des Jugendhauses sowie der Vereine, erscheint es wichtig, auch die ausländischen Jugendlichen, die bisher eher wenig in das Gemeindeleben eingebunden sind, stärker an die bestehenden Angebote heranzuführen. Eine bessere Vernetzung der verschiedenen Akteure oder die Realisierung gemeinsamer Aktivitäten oder Veranstaltungen könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Zusammenleben und Integration verschiedener Gruppen von Jugendlichen stärken

Die junge Bevölkerung der Gemeinde Schüttringen ist geprägt von einer hohen Nationalitätenvielfalt. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass zwischen den Jugendlichen unterschiedlicher Nationalität nur wenige Kontakte existieren. Das Zusammenleben zwischen Migranten und Einheimischen kann als friedliches Nebeneinander bezeichnet werden; trotz oder vielleicht auch wegen der Distanz zwischen den Gruppen, ist ein Großteil der Jugendlichen der Meinung, dass das Zusammenleben der Einwohner verschiedener Nationalitäten gut funktioniert.
Eine Herausforderung für Politik und Jugendarbeit dürfte es also sein, die Segmentierung von Lebens‐ und Freizeitbereichen zwischen den verschiedenen Gruppen von Jugendlichen in der Gemeinde zu überwinden. Da nur sehr wenige Jugendliche das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten in der Gemeinde als problematisch empfinden, kann von einer hohen Bereitschaft der Jugendlichen ausgegangen werden sich aufeinander einzulassen und ein soziales Miteinander zu gestalten. Das Jugendhaus und auch die Vereine der Gemeinde können dabei sehr wichtige Orte der Begegnung und Integration sein. Zur Förderung der Kontakte in der Gemeinde können auch formelle oder informelle Treffpunkte eine große Rolle spielen. Eine weitere Möglichkeit wäre es, Jugendliche die neu hinzugezogen sind, die einen Migrationshintergrund haben oder nicht die luxemburgische Schule besuchen, gezielter anzusprechen und sie stärker an der Planung und Umsetzung neuer Ideen zu beteiligen.

Mangel an Treffpunkten im öffentlichen Raum

Treffpunkte in den Gemeinden sind für Jugendliche von zentraler Bedeutung. Sie erlauben es den Jugendlichen sich in Peergruppen oder Freundescliquen zu treffen, gemeinsamen Freizeitaktivitäten nachzugehen und Freundschaften aufzubauen, unabhängig von der Welt der Erwachsenen. Ein solcher Treffpunkt ist das Jugendhaus in Münsbach, das vor der Herausforderung steht, auch nichtluxemburgische Jugendliche verstärkt anzusprechen. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Jugendliche auch das Bedürfnis nach einem lockeren, informellen Treffpunkt im öffentlichen Raum haben. Die bestehenden Angebote, wie der Ministade oder der Skaterpark, ziehen nur einen Teil der jugendlichen Bevölkerung an, da sie an bestimmte sportliche Aktivitäten geknüpft sind. In der Tat bedingt auch die geografische Struktur der Gemeinde, d.h. ihre eher langgezogene Lage an einer Hauptstraße, dass es keinen zentralen Ort gibt, an dem sich das Gemeindeleben konzentrieren würde und Jugendliche spontan zusammenfinden könnten. Einen solchen Ort des informellen Zusammentreffens entstehen zu lassen wäre sicherlich eine große Herausforderung, würde aber viele neue Möglichkeiten mit sich bringen, unter anderem im Bereich der Förderung der Kontakte zwischen Jugendlichen mit unterschiedlicher Altersklasse, Geschlecht, Bildungssituation oder Herkunft.

Engagement in der Gemeinde: Zugang oft schwierig

Das Interesse an Politik ist bei den Jugendlichen in der Gemeinde Schüttringen eher gering. Die Ergebnisse der Umfrage haben gezeigt, dass 42,9% der Jugendlichen sich als politisch interessiert äußern. Nur wenige Jugendliche sind in einer Partei oder politischen Gruppe engagiert und ein ebenfalls geringer Teil (knapp ein Fünftel) kann sich vorstellen, sich hier einmal politisch zu engagieren. Dies bedeutet aber nicht, dass die Jugendlichen sich von der Politik abkehren und nicht mehr bereit wären, sich in der Gesellschaft zu engagieren. So haben die Ergebnisse der Befragung gezeigt, dass die Jugendlichen aus der Gemeinde Schüttringen bereit sind sich politisch zu engagieren, allerdings in unterschiedlichen, unkonventionelleren Formen und tendenziell eher für kurze Zeitspannen (z.B. spontane Aktionen die mit Hilfe von sozialen Netzwerken im Internet organisiert werden).

Publikationen

Die Jugend der Gemeinde Schüttringen. Entwicklungen & Perspektiven. Ergebnisbericht der Jugendstudie im Rahmen des Jugendkommunalplanes für die Gemeinde Schüttringen

Kremer, Lisa | Heinen, Andreas | Willems, Helmut

Walferdange 2014

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