Evaluation des Jugendpaktes


Zielsetzung

Mit dem Jugendpakt 2012-2014 hat die luxemburgische Regierung unter der Federführung des Ministeriums für Bildung, Kindheit und Jugend (MENJE) ein politisches Instrument entwickelt, das sich im Kern auf einige der zentralen gesellschaftspolitischen Herausforderungen des Jugendalters bezieht. Er ist strategisch als ein interministerielles Netzwerk angelegt, in dem u.a. die Themenbereiche der beruflichen und sozialen Integration junger Menschen durch Bildung, Ausbildung, Wohnen, Mobilität und eine dauerhafte Beschäftigung im Rahmen eines umfassenden Maßnahmenkatalogs als politische Querschnittsthemen hervorgehoben werden. Der Jugendpakt unterstützt damit die wesentlichen Voraussetzungen für eine zukunftsweisende Jugendpolitik und eine über die ministeriellen Grenzen hinweg kohärente Politik für Jugendliche.


Prof. Dr. Helmut Willems (Leitung) | Sandra Biewers-Grimm | Claudine Reichert | Caroline Residori


Universität Luxemburg | Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse in Luxemburg (MENJE)


2014 – 2015

Das MENJE hat die Forschungseinheit INSIDE (Integrative Research Unit on Social and Individual Development), und hier die Forschungsgruppe Youth Research der Universität Luxemburg, mit der Evaluation des luxemburgischen Jugendpakts (2012-2014) beauftragt.

Ziel der Evaluation war die Beantwortung der Frage, inwiefern der Jugendpakt als Strategie transversaler Jugendpolitik dazu beigetragen hat, die interministerielle Kommunikation zu Jugendthemen in den jugendrelevanten Politikfeldern zu stärken und Jugendthemen sektorenübergreifend in den politischen Diskurs aufzunehmen.

Datengrundlage und Methodik

Zur Operationalisierung des Evaluationsziels wurden die folgenden konkreten Evaluationsfragen definiert.

Welche Partner sind im Rahmen welcher Strukturen an der Umsetzung des Jugendpaktes und transversaler Jugendpolitik beteiligt?
Wie wird der Jugendpakt von den beteiligten Partnern wahrgenommen und genutzt?
Wie wird transversale Jugendpolitik und interministerielle Zusammenarbeit umgesetzt?
Was sind Erfolgs- bzw. Misserfolgsfaktoren transversaler Jugendpolitik?
Welche Resultate wurden durch den Einsatz transversaler Jugendpolitik erreicht?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde auf eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden zurückgegriffen.

Dokumentenanalyse: Eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten wurde hinsichtlich der Evaluationsfragen analysiert. Dazu zählen interministeriellen Arbeitssitzungen, Aktivitätsberichte, Aktionspläne, Pressemappen, Handreichungen und Informationsbroschüren.

Leitfadengestützte Interviews: Mit 17 Repräsentanten verschiedener Verwaltungseinheiten wurden Experteninterviews durchgeführt, um Einstellungen, Meinungen und Wissen, aber auch praktische Erfahrungen mit bereichsübergreifender Zusammenarbeit mit Rahmen des Jugendpaktes zu erfassen und zu verstehen.

Eine schriftliche Befragung der am Jugendpakt mitwirkenden politischen Akteure: Die beiden ersten Erhebungsmethoden werden durch die Analyse der quantitativen Daten zum aktuellen Umsetzungsstand der Aktionen des Jugendpaktes, die an zwei Zeitpunkten des Jugendpaktes durch das Ministerium erhoben wurden, ergänzt. Verschiedenen Akteuren von unterschiedlichen Verwaltungseinheiten wurde ein kleiner Fragebogen zugesandt, mit dem der Stand der Umsetzung des Jugendpakts einmal in der Mitte der Laufzeit und einmal am Ende des Jugendpakts erhoben werden sollte. Die  erhobenen Daten wurden mittels deskriptiver Statistik analysiert.

Ergebnisse


Herausforderungen der interministeriellen Zusammenarbeit
Unterschiedliche Perspektiven, Ziele und Interessen: An der Umsetzung des Jugendpaktes wirkten Akteure aus verschiedenen Ministerien, aus dem Verwaltungsbereich sowie aus Praxisorganisationen mit. Sie brachten verschiedene Ziele, Interessen und Themen in den gemeinsamen Arbeitsprozess ein und nahmen den Jugendpakt aus ihrer je spezifischen Perspektive wahr. Das Ausbalancieren dieser Heterogenität an Perspektiven, Zielen und Wahrnehmungen sowie die Koordination der hierdurch entstehenden Komplexität an Handlungsbedingungen, stellten zentrale Herausforderungen für die erfolgreiche Umsetzung des Jugendpakts und der interministeriellen Zusammenarbeit dar.

Skepsis gegenüber der interministeriellen Zusammenarbeit: In der Analyse vieler Interviewaussagen konnte festgehalten werden, dass der Jugendpakt als Aktionsplan ein Instrument darstellt, das die Implementierung einer transversalen Jugendpolitik stützen und fördern kann. Umgekehrt unterstützt das transversale Vorgehen auch die Umsetzung des Jugendpaktes, da der Erfolg der Aktionen in enger Verbindung mit der interministeriellen Kooperation steht. Diese positive Wahrnehmung war bei einigen Akteuren zu Beginn der Zusammenarbeit noch von einer Skepsis überlagert, die erst nach und nach im Prozess der interministeriellen Kooperation abgebaut werden konnte.


Konsequente und zeitnahe Umsetzung der Aktionen und des Jugendpakts

Viele dem Jugendpakt zugeordneten Maßnahmen existierten bereits vor Anlaufen des Aktionsplanes. Dementsprechend ging es dem Jugendpakt weniger darum, neue kooperative Projekte und Aktivitäten anzustoßen, als vielmehr, die bestehenden Kooperationsstrukturen und kooperativen Aktivitäten zu bündeln, zu erweitern und zu festigen. Weil in vielen Fällen konzeptionelle Rahmenbedingungen bereits erarbeitet und erste Handlungsschritte in den Aktivitäten schon vollzogen waren, konnte eine zeitnahe Umsetzung vieler Aktionen des Jugendpakts sichergestellt werden. Die Herstellung kooperativer Strukturen führte zudem zu einer Steigerung des Nachhaltigkeitsgedanken; viele der Befragten hoben die große Bedeutung der Kontinuität der Angebote hervor. Obwohl die Einschätzungen und die Bewertung des Erfolgs der interministeriellen Zusammenarbeit unterschiedlich sind, so weist die hohe Umsetzungsquote der Aktionen(33% bereits umgesetzt, 55% in der Umsetzung) doch darauf hin, dass der Aktionsplan vielen Beteiligten dennoch die Chance eröffnet hat, sich mit jugendrelevanten Ideen, Themen oder konkreten Projekten auf die unterschiedlichen Ministerien zuzubewegen, bestehende Kooperationen zu festigen und neue Kooperationen einzugehen.


Gelingensbedingungen und Erfolgsfaktoren des Jugendpakts
Herstellung einer legalen und politischen Handlungsgrundlage: Zu den zentralen Gelingensbedingungen des Jugendpaktes und der interministeriellen Zusammenarbeit gehört die legale Verankerung des Jugendpaktes. Dass eine gemeinsame gesetzliche Ausgangsbasis für die interministerielle Zusammenarbeit geschaffen wurde, wurde von den Befragten als bedeutender Erfolgsfaktor der Zusammenarbeit gewertet. Sie verleiht sie dem Jugendpakt eine grundlegende Legitimität und führt dazu, dass Ministerien wie auch andere Beteiligte eine formale Basis für die Freisetzung von personellen und zeitlichen Ressourcen erhalten.

Der Nutzen einer bündelnden und vermittelnden Koordinierung: Trotz der Herausforderungen, die die Heterogenität von Zielen, Sichtweisen und Wahrnehmungen der interministeriellen Zusammenarbeit und des Jugendpaktes mit sich brachten, ist es gelungen, diese im Jugendpakt zu bündeln und die Akteure langfristig zur interministeriellen Zusammenarbeit aufzurufen. Zudem ist es gelungen, eine gemeinsame Zielsetzung zu erarbeiten, mit der sich alle Akteure identifizieren können. Besonders der offene und vermittelnde Koordinierungsstil des Service Jeunesse ermöglichte es den unterschiedlichen Akteuren in diesem Sinne, ihre unterschiedlichen Sichtweisen in den Prozess einzubringen und sich gleichzeitig konstruktiv mit den Ideen und Themen der anderen Ministerien auseinanderzusetzen. Durch die Koordinierung konnte auch die Integration unterschiedlicher Partner aus dem Feld der Jugendarbeit sowie aus anderen Handlungsfeldern in die Maßnahmen des Jugendpaktes gefördert werden.

Multilaterale Kommunikation und intensive Zusammenarbeit mit einzelnen Ministerien: Es konnte lediglich zwischen bestimmten einzelnen Ministerien eine intensivere Zusammenarbeit aufgebaut werden, auch wenn viele unterschiedliche Akteure an der Zusammenarbeit beteiligt waren. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass besonders jene Ministerien enger miteinander kooperierten, die gemeinsame thematische Schnittstellen aufwiesen.

Balance zwischen Formalisierung und Personalisierung: eine weitere zentrale Bedingung für das Gelingen einer interministeriellen Zusammenarbeit in der Balance zwischen Formalisierung und Personalisierung gesehen. So wird die Herstellung einer formalen und legal definierten Handlungsgrundlage für die beteiligten Akteure einerseits und die Möglichkeit, sich über persönliche und informelle Netzwerke und Kontakte schnell und unbürokratisch auszutauschen andererseits, von den Befragten als erfolgreiche Kooperationsstruktur beschrieben.


Zentrale Ergebnisse des Jugendpakts und der interministeriellen Zusammenarbeit

Im Wesentlichen lassen sich die zentralen Ergebnisse des Jugendpaktes und der interministeriellen Zusammenarbeit wie folgt zusammenfassen:

Berücksichtigung jugendrelevanter Themen in vielen jugendrelevanten Politikfeldern: Durch die Einbeziehung von mehreren unterschiedlichen politischen Ressorts in das Themenspektrum des Jugendpaktes konnte gewährleistet werden, dass sowohl die Zielgruppe der Jugendlichen, als auch ihre relevanten Lebensbereiche – wie etwa die Jugendhilfe, Arbeit, Wohnen oder Bildung – im Prozess der interministeriellen Zusammenarbeit aus unterschiedlichen politischen Perspektiven thematisiert und diskutiert werden konnten. Diese Vielfalt an Themen, ebenso wie das im Rahmen des Jugendpakts aufgestellte breitgefächerte Angebot an Aktionen wäre ohne die Beteiligung der verschiedenen Ministerien und ohne das Engagement einzelner Vertreter nicht möglich gewesen.

Umfassende Umsetzung von politischen Prioritäten und Themen: Mit den Themen „Jugend und Wohnen“ sowie „Jugend und Arbeit“ wurden im Rahmen des Jugendpaktes zwei zentrale und aktuelle jugendpolitische Prioritäten kooperativ aufgegriffen und anhand unterschiedlicher Aktionen, Projekte und Maßnahmen weiterentwickelt und gefördert. Sie können als konkrete Beispiele einer gelungenen Zusammenarbeit unterschiedlicher Politikbereiche angeführt werden.

Gute Präsenz des Jugendpaktes in anderen politischen Ressorts: Auf konzeptioneller Ebene hat der Jugendpakt gute Resultate erzielt, d.h. in vielen konzeptionellen Ausarbeitungen unterschiedlicher Politikbereiche findet er Erwähnung oder es wird auf ihn verwiesen (Ausnahme: Jugendgarantie). Auch in sämtlichen Aktionsplänen wird die große Bedeutung interministerieller Zusammenarbeit thematisiert und hervorgehoben. Zudem werden in einigen Aktionsplänen einzelne Aktionen des Jugendpakts herausgegriffen und detaillierter behandelt. Dieses Aufgreifen der interministeriellen Strategie in den grundlegenden politischen Konzeptionen wird als eine wichtige Voraussetzung dafür gewertet, dass die interministerielle Zusammenarbeit und generell interministerielle Aktivitäten an Legitimität und als politische Praxis, zunehmend an Anerkennung gewinnen.


Dokumente

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Gestaltung von Jugendpolitik als transversale Kooperation
Ergebnisse der Evaluation des luxemburgischen Jugendpakts

Caroline Residori, Claudine Reichert, Sandra Biewers-Grimm, Prof. Dr. Helmut Willems

Luxemburg 2015

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