Die Jugend der Gemeinde Mersch


Zielsetzung

Die Studie ist Teil des Jugendkommunalplans für die Gemeinde Mersch und möchte zum besseren Verständnis der Jugendlichen und ihrer Lebenssituation in der Gemeinde beitragen. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung von Freizeitverhalten und -interessen, darüber hinaus interessieren aber auch die unterschiedlichen Lebenswelten und sozialen Herkunftsmilieus, in denen die Jugendlichen eingebunden sind. Ein weiterer Fokus liegt auf der Frage, wie Jugendliche unterschiedlicher Herkunft in die Gemeinde integriert sind. Zudem wird untersucht, wie zufrieden die Jugendlichen mit Angeboten und Infrastrukturen in der Gemeinde sind und welche Möglichkeiten der Partizipation ihnen wichtig sind.


Charles Berg (Leitung) | Andreas Heinen | Christiane Meyers

Universität Luxemburg | Ministère de l’Éducation nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse in Luxemburg (MENJE)| Gemeinde Mersch


2012

Datengrundlage und Methodik

Die Studie basiert auf einer Reihe von Daten- und Informationsquellen, die mit verschiedenen Verfahren und methodischen Zugängen erhoben wurden:

  1. In Gruppendiskussionen mit „Jugendexperten“, also Akteure der ehrenamtlichen und professionellen Arbeit mit Jugendlichen in Mersch, wurden wichtige Themen und Fragestellungen identifiziert, die im weiteren Forschungsdesign aufgegriffen wurden.
  2. In einer Sozialraumanalyse wurde eine auf Sekundärdaten basierende Beschreibung der Gemeinde und ihrer Bevölkerung entlang verschiedener Dimensionen erstellt. Durch das gewonnene Wissen über Altersstruktur, Nationalitäten, Bildungs- und Berufstruktur konnten die sozialräumlichen und milieuspezifischen Kontexte und Hintergründe des jugendlichen Alltagslebens beschrieben werden.
  3. Das jugendliche Freizeitverhalten wurde in Gruppendiskussionen mit Jugendlichen untersucht. Durch die Berücksichtung der Perspektive der Jugendlichen konnten auch subjektive Sichtweisen, Einstellungen und Probemlagen erfasst werden.
  4. In einer Online-Umfrage wurden freizeitbezogene Interessenlagen, Erwartungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren erfasst. Ziel war eine umfassende Darstellung der Verteilung der Freizeitmotive, -interessen und -aktivitäten der Jugendlichen und eine Analyse der soziologischen Bestimmungsfaktoren (soziales Milieu, Alter, Nationalität, Geschlecht usw.).

Diese vier methodischen Zugänge zur Datenerhebung liefern dem Konzept der „mixed-methods“ folgend die Grundlage für die weitere Datenanalyse und Interpretation, die im Forschungsbericht des Projekts zusammenfassend dargestellt sind.

Ergebnisse


Soziale Herkunft und Ungleichheit

Eine zum Teil sehr große Ungleichheit zeichnete sich ab. Vor allem die Eltern der Jugendlichen mit ausländischer Nationalität haben häufiger einen niedrigeren Bildungsabschluss und gehören auch häufiger einer niedrigeren Berufsstatusgruppe an. Dies kann sich auf die Bildungsambitionen der Jugendlichen auswirken: Jugendliche ausländischer Nationalität erzielen im Vergleich zu luxemburgischen Jugendlichen geringere Bildungsabschlüsse, wodurch sich die soziale Ungleichheit reproduzieren und verstärken kann.


Freizeitverhalten

Die Jugendlichen in Mersch zeigen ein ausgeprägtes und vielfältiges Freizeitverhalten. Einen hohen Stellenwert haben vor allem das Zusammensein mit Freunden, die Mediennutzung (insbesondere neue Medien), aber auch Sport. Kaum eine Rolle spielt hingegen soziales oder politisches Engagement. Freizeit findet für viele Jugendliche sowohl in festen Strukturen statt (Verein, Jugendhaus), aber auch in informellen Cliquen und Gruppen. Die Ergebnisse spiegeln damit die Ergebnisse der nationalen und internationalen Jugendforschung wider.
Verändert wurde das Freizeitverhalten der Jugendlichen in den letzten Jahren vor allem durch die neuen Medien. Informationen sind sofort verfügbar und Jugendliche stehen über Handy und Internet (soziale Netzwerke) in ständigem Austausch mit ihrem Freundeskreis. Diese Veränderungen bergen auch Potential für die Nutzung durch die Jugendarbeit. Relevante Medien könnten gezielt eingesetzt werden, um Jugendliche umfassend und aktuell mit Informationen und Angeboten zu versorgen.


Freizeitprobleme und Risikoverhalten

Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl jugendliche Gewalt und Vandalismus als auch der risikohafte Konsum illegaler Drogen nur eine kleine Minderheit betrifft. Eine vergleichsweise große Gruppe gibt jedoch an, häufig zu viel Alkohol zu konsumieren. Im Hinblick auf mögliche Folgen sollte diesem Risikoverhalten eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden.


Vereine als zentrale Akteure der Jugendarbeit

Ein großer Teil der Jugendlichen (50,1%) ist im vielfältigen Vereinsangebot der Gemeinde Mersch aktiv. Als Orte der sozialen Partizipation und Integration, aber auch als Lernfelder gelten die Vereine als wichtige Akteure der Jugendarbeit. Dennoch sind verschiedene Gruppen unterrepräsentiert: Mädchen, ältere Jugendliche und Jugendliche mit ausländischer Herkunft. Gerade aufgrund ihrer Integrationsfunktion erscheint es wichtig, die Vereine gezielter für diese Gruppen zu öffnen.


Das Jugendhaus Mersch

Das Jugendhaus Mersch polarisiert die Jugendlichen stark. Regelmäßig besucht wird es vor allem von männlichen und jüngeren Jugendlichen nichtluxemburgischer Herkunft sowie von Schülern des „enseignement secondaire technique“. Von anderen Jugendlichen werden diese Besucher mit negativen Stigmatisierungen wahrgenommen. Gleichwohl gilt das Jugendhaus als wichtige Hilfeeinrichtung und ist als einzige offene Einrichtung der Gemeinde ein unerlässliches Angebot.


Integration und Partizipation

In Mersch haben vier von zehn Jugendlichen keine luxemburgische Nationalität. Das Zusammenleben ist dabei eher von einem friedlichen Nebeneinander als von einem Miteinander geprägt. Trotz vielfältiger Kontakte zwischen den Nationalitätengruppen (in Schule, Nachbarschaft und Familie) ist das Freizeitverhalten von Segementierungstendenzen gekennzeichnet. Während beispielsweise vor allem luxemburgische Jugendliche in Vereinen aktiv sind, zeichnet sich die Besucherstruktur des Jugendhauses durch hohe Anteile nichtluxemburgischer Jugendlicher aus. Auch interethnische Freundschaften scheinen eher die Ausnahme zu sein. Möglichkeiten zur Begegnung böten sowohl das Jugendhaus als auch Verein sowie lokale Feste und Veranstaltungen, aber auch informelle Treffpunkte (Cafés, Spielplätze etc.). Die gezielte Ansprache von Migrantenjugendlichen und ihren Familien wie auch ihre stärkere Beteiligung der Planung und Umsetzung von Maßnahmen könnten wichtige Impulse liefern.


Mersch als Lebensort

Insgesamt sind die Jugendlichen sehr zufrieden mit den Lebensbedingungen in der Gemeinde Mersch. Verkehrsanbindung und Freizeitangebote werden überwiegend positiv bewertet. Ältere Jugendliche jedoch verbringen einen Großteil ihrer Freizeit außerhalb der Gemeinde und nutzt Mersch lediglich als Wohnort („Schlafgemeinde“). Auch zugezogene Bewohner sind vergleichsweise selten am Gemeindeleben beteiligt.


Koordination und Vernetzung der Angebote

Die zum überwiegenden Teil ehrenamtlich organisierten Angebote in der Gemeinde Mersch erreichen in der Regel eine große Zahl von Jugendlichen und leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Jugendarbeit. Allerdings bestehen häufig Angebote nebeneinander; Zusammenarbeit und Austausch finden eher selten statt. Zur besseren Abstimmung und zur Nutzung von Synergieeffekten wäre hier eine bessere Koordination und Vernetzung anzuraten, was sich aufgrund der ehrenamtlichen Struktur und den damit verbundenen Personal- und Zeitressourcen als schwierig gestalten dürfte.


Engagement und Beteiligung

Das Interesse an Politik ist bei den Jugendlichen eher gering ausgeprägt. Dennoch zeigen viele Jugendliche eine hohe Bereitschaft für ein Engagement in verschiedenen Bereichen. Der Rahmen des Engagements verschiebt sich von klassischen Strukturen (Partei, Verband) hin zu temporären und situativen Beteiligungsformen. Gerade hier, auf Gemeindeebene, bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, Jugendliche aktiv an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Dazu bedarf es jedoch einer professionellen Begleitung und klaren, transparenten Spielregeln.


Publikationen

Die Jugend der Gemeinde Mersch. Entwicklungen & Perspektiven. Ergebnisbericht der Jugendstudie im Rahmen des Jugendkommunalplanes für die Gemeinde Mersch

Berg, Charles | Heinen, Andreas | Meyers, Christiane

Walferdange 2012

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