CatMesNEET

Maßnahmenkatalog für junge Menschen mit NEET-Status in Luxemburg

Der Schritt von der Schule ins Berufsleben stellt für die meisten jungen Menschen eine große Herausforderung dar. Umfangreich beschreibt dies der Jugendbericht 2015. Manchen Jugendlichen gelingt dieser Schritt nicht auf Anhieb – auch das konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Luxemburg 2015 herausarbeiten.

Welche Angebote, allerdings, gibt es für Jugendliche, die nicht mehr an der Schule lernen, aber auch noch keinen Beruf oder keine Berufsausbildung ergriffen haben? Gerade Jugendliche fallen in dieser Situation „durch das System“. Systematischen Erhebungen aller Angebote und Maßnahmen in Luxemburg für diese Zielgruppe fehlten noch nach 2015.

In dieser Wissenslücke entstand zwischen 2018 und 2020 das Forschungsprojekt CatMesNEET in Kooperation zwischen dem Ministère de l’éducation nationale, de l’enfance et de la jeunesse (MENJE) und der Universität Luxemburg.

Im Interview mit Dr. Josepha Nell (DG Jeunesse, MENJE), erfahren wir mehr über das Projekt:

cc by Blake Cheeke via unsplash

Frau Dr. Nell, was bedeutet „CatMesNEET“ und was kann ich mir unter dem Projekt vorstellen?

„Ausgangspunkt des Projektes CatMesNEET (Catalogue de mésures pour NEETs) war es, Maßnahmen für Jugendliche im Alter zwischen 15 und 29 Jahren in Luxemburg zu identifizieren, die einen NEET-Status aufweisen.

Die Abkürzung NEET steht für „Not in Education, Employment or Training“ und meint Jugendliche, die sich weder in einer Ausbildung noch in einem Arbeitsverhältnis oder einer Schulung befinden.

Diese Zielgruppe ist besonders im Zuge der Weltwirtschaftskrise von 2008 und dem damit einhergehenden drastischen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Europa in den Blick europäischer und nationaler Politik geraten.

2018 beauftragte das Bildungsministerium die Universität Luxemburg damit, herauszufinden, welche aktuellen Maßnahmen diese Zielgruppe unterstützen. Unter Maßnahmen werden dabei all jene Angebote für Jugendliche verstanden, die ihnen helfen sollen, aus ihrer problematischen NEET-Situation zu gelangen.“

CatMesNEET wurde zu gleichen Teilen finanziert durch den Fonds social européen (FSE) und durch das Ministère de l´Education nationale, de l’Enfance et de la Jeunesse (MENJE).

Wissenschaftlicher Projektleiter: Robin Samuel;

beteiligte Wissenschaftlerinnen: Josepha Nell, Elisabeth Scheier, Michaela Zuniga,

2018 – 2020.

Was fanden die Forschenden über die Bedürfnisse der Jugendlichen heraus?

„Bereits die ersten Analysen ergaben, dass die Zielgruppe sehr heterogen ist, da sich  die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unterschiedlichen Lebenslagen befinden und unterschiedliche Bedürfnisse aufweisen.

Gemeinsam ist diesen jungen Menschen nur, dass sie nicht Teil des Arbeitsmarktes oder des Bildungssystems sind. Zudem verschleiert das Label „NEET“ häufig tieferliegende und vielschichtige Problematiken, wie beispielsweise familiäre Probleme, Suchtverhalten, Wohnungsnot, finanzielle Notlagen, aber auch Behinderungen und Lernschwierigkeiten.

Bei den meisten jungen Menschen mit NEET-Status liegt dabei eine Kombination unterschiedlicher Problematiken vor, die sich teilweise gegenseitig bedingen. In vielen Fällen müssen diese – vorgeschalteten – Probleme erst angesprochen werden, bevor die Betroffenen für eine Vermittlung auf den Arbeitsmarkt oder eine Rückkehr in das Schulsystem bereit sind.“

cc by Anthony Martino via unsplash

Wie erforschte das wissenschaftliche Projektteam die luxemburgische Maßnahmen-Landschaft für Jugendliche mit NEET-Status?

„Durch intensive Literaturrecherche sowie Gespräche mit Jugendarbeiter*innen definierte das Projektteam 25 Risikofaktoren, die zu einem NEET-Status führen können. Die Risikofaktoren wurden in einem zweiten Schritt kategorisiert und in Ziele umformuliert. Das heißt, es wurde der Frage nachgegangen: welche Ziele müssen verfolgt werden, um die betroffenen Jugendlichen zu unterstützen?

Die folgenden fünf Hauptziele konnten identifiziert werden:

cc by Cristofer Jeschke via unsplash

„In einem darauffolgenden Schritt wurden Maßnahmen in Luxemburg für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 29 Jahren identifiziert, die einem oder mehreren der genannten Ziele zuordenbar sind. Insgesamt konnten so 664 Maßnahmen gesammelt werden, die in einer Datenbank erfasst wurden. Da die erfassten Maßnahmen soziale Themen aus allen Bereichen der Gesellschaft ansprechen, ist die Datenbank für ein breites Spektrum in Wissenschaft, Politik und Praxis relevant.

Das Projekt, welches zu gleichen Teilen durch das Bildungsministerium (MENJE) sowie durch den Fonds social européen (FSE) finanziert wurde, wird in einem Abschlussbericht nachvollziehbar dargestellt. In diesem wird zudem beschrieben, wie sich die Maßnahmen geografisch verteilen, für welche Zielgruppen es besonders viele Angebote gibt und welche Bereiche einen Maßnahmenmangel aufweisen.“ (Der Abschlussbericht wird auf diesen Seiten sobald möglich verfügbar sein – Anmerkung der Redaktion.)

"Anhand des Projektes CatMesNeet ist sehr gut ersichtlich, wie eine wissenschaftlich empirische Vorgehensweise gesellschaftlich nutzbar gemacht werden kann."
Dr. Josepha Nell
über CatMesNEET

Was begeistert Sie am meisten an CatMesNEET?

„Anhand des Projektes CatMesNeet ist sehr gut ersichtlich, wie eine wissenschaftlich empirische Vorgehensweise gesellschaftlich nutzbar gemacht werden kann. Hinter der Entwicklung des Kataloges steht eine intensive Recherchearbeit, die einem qualitativen Paradigma folgt. Das Ziel einen Katalog zu erstellen, der zum einem in der Sozialarbeit verwendet werden kann und zum anderen wissenschaftlichen Kriterien entspricht, konnte umgesetzt werden. Dies nicht zuletzt deshalb, weil eine qualitativ offene Vorgehensweise in der Anfangsphase und eine quantitative Umsetzungsweise in der Erhebungsphase möglich waren.“

Liebe Frau Dr. Nell, herzlichen Dank für Ihre Zeit und für das Interview!

Das Interview führte Moritz Höpner im Februar 2021 für das DDRC.

INFOBOX: Wissenstransfer

Das Projekt CatMesNEET ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft die Arbeit öffentlicher und staatlicher Einrichtungen unterstützen kann: Das Projekt wurde nach seinem Abschluss 2020 dem Bildungsministerium übergeben. Dort werden die Daten weiter aufbereitet und überarbeitet.

Ziel ist es, einen Katalog zu erstellen, der Jugendarbeiter*innen und Sozialarbeiter*innen, die mit Jugendlichen arbeiten, zugänglich ist. Darüber hinaus soll der angepasste Katalog als App direkt den Jugendlichen zur Verfügung stehen.

Das Projekt zeigt auch, wie viel Zeit es bedarf, bis die Erkenntnisse solider, wissenschaftlicher Arbeit in der Praxis Fuß fassen können. Langfristige wissenschaftliche Projektförderung und Kooperationen bleiben somit unabdingbar für eine öffentliche Hand, die evidenzbasierte Politik gestaltet.

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