Die Folgen von sitzendem Verhalten

für die Gesundheit junger Menschen

Andreas Heinz, Emanuel Schembri, Robin Samuel

Langanhaltendes Sitzen hat sich für Jugendliche und junge Erwachsene als schädlich erwiesen. Den eigenen Körper in Bewegung zu bringen und sitzende Tätigkeiten zu vermeiden kann dazu beitragen, die Gesundheit von Jugendlichen früh zu verbessern und die Entwicklung schwerer Gesundheitsprobleme im späteren Alter zu verhindern.

Dieser Policy Brief basiert auf dem Manuskript von Schembri, Heinz & Samuel („The Association between Sedentary Behaviour and Health and the Moderating Role of Physical Activity in Young People”, im Review). In diesem Policy Brief stellen die Autoren wichtige Erkenntnisse zu den Auswirkungen einer sitzenden Lebensweise auf die Gesundheit junger Menschen dar und schlagen Wege zur Minderung der negativen Auswirkungen vor.

Definition von sitzendem Verhalten

Zusätzlich zu den langen Sitzzeiten, die während des Unterrichts, beim Lernen bzw. Hausaufgabenmachen und in vielen beruflichen Tätigkeiten erforderlich sind, verbringen Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend auch Freizeitaktivitäten sitzend (Yang et al., 2019).

Als sitzendes oder sedentäres Verhalten gelten Aktivitäten mit niedrigem Energieniveau, z.B. Fernsehen, Internetsurfen und Lesen (Tremblay et al., 2017). Durch Handy-Apps ist der Zugang zu Videospielen leichter geworden und beschränkt sich nicht mehr nur auf die Nutzung von Spielkonsolen oder Computerspielen, was zu einer Erhöhung des sitzenden Verhaltens führen kann.

Gesundheitliche Auswirkungen von sedentärem Verhalten

Langes Sitzen ist mit schweren körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen und vorzeitiger Sterblichkeit verbunden (World Health Organization, 2020a). Bewegungsmangel ist beispielsweise mit schlechter körperlicher Fitness, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Knochengesundheit sowie Fettleibigkeit verbunden (World Health Organization, 2020a).

Erwachsene zeigen ein höheres Risiko für die Entwicklung verschiedener Krebsarten und Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Fettleibigkeit (Hamilton et al., 2014; Jochem et al., 2019; Tremblay et al., 2010;

Foto einer Jugendlichen, die sich auf einem Sessel sitzend mit ihrem Handy beschäftigt.
Langes Sitzen ist mit schweren körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen und vorzeitiger Sterblichkeit verbunden. | © Laura Chouette via Unsplash.com

Gesundheitliche Auswirkungen von körperlicher Aktivität

Aktive Menschen sind im Durchschnitt körperlich fitter und mental gesünder als inaktive Menschen. Darüber hinaus senkt regelmäßiges Sporttreiben in jungen Jahren das Risiko für chronische Erkrankungen im späteren Erwachsenenalter, verlängert die Lebensdauer, führt zu einer besseren subjektiven Gesundheit und beugt Übergewicht vor (Chaput et al., 2020; Fernandes et al., 2015; Granger et al., 2017; Piercy et al., 2018; Schmitz et al., 2000; Zhang et al., 2020).

Die vorliegende Studie konnte zudem feststellen, dass ein höheres Maß an körperlicher Aktivität mit einer geringeren Häufigkeit von Gesundheitsbeschwerden einhergeht, wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen, Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Schwindel. Diese Beschwerden sind Indikatoren für die psychosomatische Gesundheit und teilweise für die psychische Gesundheit (Gariepy et al., 2016). Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, eine Verbesserung der subjektiven Gesundheit und des BMI mit zunehmender körperlicher Aktivität.

Foto einer sportlichen wirkenden jungen Frau, die im Vorbei-Joggen lächelnd einen Daumen nach oben hält.
Ein höheres Maß an körperlicher Aktivität geht mit einer geringeren Häufigkeit von Gesundheitsbeschwerden einher. | © Andrew Dinh via Unsplash.com

Hat körperliche Aktivität einen moderierenden Effekt auf die Auswirkungen von sedentärem Verhalten?

Somit bestätigt die Studie zwar die bekannten gesundheitlichen Vorteile körperlicher Aktivität, allerdings hat sie auch ergeben, dass körperliche Aktivität die untersuchten Nachteile häufigen Sitzens nicht ausgleichen kann.

Zum Beispiel können Jugendliche einen erhöhten BMI, der aus sedentärem Freizeitverhalten (wie etwa Gaming) resultiert, nicht durch zusätzliche körperliche Aktivität reduzieren. Ebenso wenig kann körperliche Aktivität die nachteiligen Auswirkungen von sitzenden Freizeitaktivitäten und Gaming auf die subjektive Gesundheit und die Häufigkeit von Gesundheitsbeschwerden verbessern.

Eine Steigerung der körperlichen Aktivität hat viele Vorteile. Sie hat allerdings keinen moderierenden Effekt auf die Auswirkungen von sedentärem Verhalten. Daher ist es für Jugendliche und junge Erwachsene umso wichtiger, ihr Sitzverhalten dauerhaft zu reduzieren, um gesund zu bleiben.

Eine Grafik zeigt die beiden Variablen "sitzendes Verhalten" und "körperliche Aktivität" in ihren Auswirkungen auf die Variable "Gesundheit junger Menschen".
Eine Steigerung der körperlichen Aktivität hat keinen moderierenden Effekt auf die Auswirkungen von sedentärem Verhalten. Jugendliche sollten sich körperlich betätigen und daneben auch weniger in ihrer Freizeit sitzen. | © CCY 2022

Maßnahmen zur Vermeidung sitzenden Verhaltens

Um die allgemeine Gesundheit von Jugendlichen frühzeitig zu verbessern und die Entwicklung schwerer Gesundheitsprobleme im späteren Alter zu verhindern, ist es wichtig, das Sitzverhalten zu verringern und die körperliche Aktivität zu erhöhen. Um dies zu erreichen, finden sich in der wissenschaftlichen Literatur evidenzbasierte Empfehlungen, die in Luxemburg z.T. auch schon umgesetzt werden:

  • Sensibilisierung für die negativen gesundheitlichen Auswirkungen von langanhaltendem Sitzen und für die Bedeutung der Einhaltung der empfohlenen Menge an körperlicher Aktivität für einen gesunden Lebensstil. Zum Beispiel in Kombination mit körperlichen Aktivitätsinterventionen, die durch die Einbindung von Botschaften oder durch andere Marketingstrategien Informationen bereitstellen (Manini et al., 2015; World Health Organization, 2018; Yuksel et al., 2020).
  • Entwurf, Implementierung und Evaluation von Bewegungsprogrammen in Schulen und an Arbeitsplätzen. Beispielsweise können Schulen mehr Sportunterricht anbieten oder „Pedibusse“ organisieren, bei denen der Schulweg in Begleitung einer erwachsenen Person zu Fuß zurückgelegt wird; Arbeitgeber:innen könnten ein betriebliches Gesundheitsmanagement implementieren (Dobbins et al., 2013; Manini et al., 2015; World Health Organization, 2007; Yuksel et al., 2020).
  • Subventionierung von Stadtplanungen, die sich auf die Steigerung der körperlichen Aktivität konzentriert, kann zu einem aktiven Lebensstil führen. Beispielsweise durch die Verbesserung des Zugangs zu Fuß- und Fahrradwegen oder die Entwicklung kostenloser öffentlicher Trainingseinrichtungen (Panter et al., 2019; World Health Organization, 2008, 2016, 2017, 2018).
  • Die Entwicklung von eHealth-Technologie und deren Nutzung kann dazu beitragen, die körperliche Aktivität zu steigern und Bewegungsmangel zu reduzieren. Zum Beispiel durch Fitness-Tracker zur Einhaltung täglicher Bewegungsziele oder durch Handy-Apps (Manini et al., 2015; Pradal-Cano et al., 2020; Stephenson et al., 2017; Sullivan & Lachman, 2016).
  • Vulnerable Bevölkerungsgruppen unterstützen. Zum Beispiel finanzielle Mittel für Menschen mit niedrigem Einkommen und Unterstützung von Minderheiten entsprechend ihrer persönlichen Bedürfnisse (Lachman et al., 2018; World Health Organization, 2018).

Siehe auch

Allgemeine Informationen zum Gesundheitsverhalten von Jugendlichen finden Sie in Kapitel 2 des Nationalen Jugendberichts 2020 oder im gesamten Bericht unter www.jugendbericht.lu (verfügbar auf Deutsch, Französisch und Englisch).

Einzelnachweise

Chaput, J.‑P., Willumsen, J., Bull, F., Chou, R., Ekelund, U., Firth, J., Jago, R., Ortega, F. B., & Katzmarzyk, P. T. (2020). 2020 WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour for children and adolescents aged 5–17 years: summary of the evidence. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 14(141), 1–9. https://doi.org/10.1186/s12966-020-01037-z

Dobbins, M., Husson, H., DeCorby, K., & LaRocca, R. L. (2013). School-based physical activity programs for promoting physical activity and fitness in children and adolescents aged 6 to 18. The Cochrane Database of Systematic Reviews(2), CD007651. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007651.pub2.

Fernandes, R. A., Coelho-E-Silva, M. J., Spiguel Lima, M. C., Cayres, S. U., Codogno, J. S., & Lira, F. S. (2015). Possible underestimation by sports medicine of the effects of early physical exercise practice on the prevention of diseases in adulthood. Curr. Diabetes Rev.(11), 201–205. https://doi.org/10.2174/1573399811666150401104515

Gariepy, G., McKinnon, B., Sentenac, M., & Elgar, F. J. (2016). Validity and reliability of a brief symptom checklist to measure psychological health in school-aged children. Child Indicators Research, 9(2), 471–484. https://doi.org/10.1007/s12187-015-9326-2

Granger, E., Greg Williams, G., Di Nardo, F., Harrison, A., & Verma, A. (2017). The relationship between physical activity and self-rated health status in European adolescents: Results of the EURO-URHIS 2 survey. European Journal of Public Health, 27(2), 107–111. https://doi.org/10.1093/eurpub/ckw177

Hamilton, M. T., Hamilton, D. G., & Zderic, T. W. (2014). Sedentary Behavior as a Mediator of Type 2 Diabetes. Med Sport Sci., 60, 11–26. https://doi.org/10.1159/000357332

Jochem, C., Wallmann-Sperlich, B., & Leitzmann, M. F. (2019). The Influence of Sedentary Behavior on Cancer Risk: Epidemiologic Evidence and Potential Molecular Mechanisms. Curr Nutr Rep, 8(3), 167–174. https://doi.org/10.1007/s13668-019-0263-4

Lachman, M. E., Lipsitz, L., Lubben, J., Castaneda-Sceppa, C., & Jette, A. M. (2018). When Adults Don’t Exercise: Behavioral Strategies to Increase Physical Activity in Sedentary Middle-Aged and Older Adults. Innovation in Aging, 2(1), igy007. https://doi.org/10.1093/geroni/igy007

Manini, T. M., Carr, L. J., King, A. C., Marshall, S., Robinson, T. N., & Rejeski, W. J. (2015). Interventions to reduce sedentary behavior. Medicine and Science in Sports and Exercise, 47(6), 1306–1310. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000000519

Panter, J., Guell, C., Humphreys, D., & Ogilvie, D. (2019). Title: Can changing the physical environment promote walking and cycling? A systematic review of what works and how. Health & Place, 58, 102161. https://doi.org/10.1016/j.healthplace.2019.102161

Piercy, K. L., Troiano, R. P., Ballard, R. M., Carlson, S. A., Fulton, J. E., Galuska, D. A., George, S. M., & Olson, R. D. (2018). The Physical Activity Guidelines for Americans. Journal of the American Medical Association, 320(19), 2020–2028.

Pradal-Cano, L., Lozano-Ruiz, C., Pereyra-Rodríguez, J. J., Saigí-Rubió, F., Bach-Faig, A., Esquius, L., Medina, F. X., & Aguilar-Martínez, A. (2020). Using Mobile Applications to Increase Physical Activity: A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 17(21). https://doi.org/10.3390/ijerph17218238

Rosenkranz, R. R., Duncan, M. J., Rosenkranz, S. K., & Kolt, G. S. (2013). Active lifestyles related to excellent self-rated health and quality of life: Cross sectional findings from 194,545 participants in The 45 and Up Study. BMC Public Health, 13(1071), 3–12. https://doi.org/10.1186/1471-2458-13-1071

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Stephenson, A., McDonough, S. M., Murphy, M. H., Nugent, C. D., & Mair, J. L. (2017). Using computer, mobile and wearable technology enhanced interventions to reduce sedentary behaviour: A systematic review and meta-analysis. The International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 14(1), 105. https://doi.org/10.1186/s12966-017-0561-4

Sullivan, A. N., & Lachman, M. E. (2016). Behavior Change with Fitness Technology in Sedentary Adults: A Review of the Evidence for Increasing Physical Activity. Frontiers in Public Health, 4, 289. https://doi.org/10.3389/fpubh.2016.00289

Tremblay, M. S., Aubert, S., Barnes, J. D., Saunders, T. J., Cason, V., Latimer-Cheung, A. E., Chastin, S. F. M., Altenburg, T. M., Chinapaw, M. J. M., & and on behalf of SBRN Terminology Consensus Project Participants (2017). Sedentary Behavior Research Network (SBRN) – Terminology Consensus Project process and outcome. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 14(75), 1–17. https://doi.org/10.1186/s12966-017-0525-8

Tremblay, M. S., Colley, R. C., Saunders, T. J., Healy, G. N., & Owen, N. (2010). Physiological and health implications of a sedentary lifestyle. Appl. Physiol. Nutr. Metab., 35, 725–740. https://doi.org/10.1139/H10-079

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World Health Organization. (2020b). WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour: Web Annex. Evidence profiles. Geneva. WHO.

Yang, L., Cao, C., Kantor, E. D., Nguyen, L. H., Zheng, X., Park, Y., Giovannucci, E. L., Matthews, C. E., Colditz, G. A., & Cao, Y. (2019). Trends in Sedentary Behavior Among the US Population, 2001-2016. JAMA, 321(16), 1587–1597. https://doi.org/10.1001/jama.2019.3636

Yuksel, H. S., Şahin, F. N., Maksimovic, N., Drid, P., & Bianco, A. (2020). School-Based Intervention Programs for Preventing Obesity and Promoting Physical Activity and Fitness: A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 17(1). https://doi.org/10.3390/ijerph17010347.

Zhang, T., Lu, G., & Wu, X. Y. (2020). Associations between physical activity, sedentary behaviour and self-rated health among the general population of children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. BMC Public Health, 20(1), 1–16. https://doi.org/10.1186/s12889-020-09447-1.

Zitiervorschlag

Schembri, E., Heinz, A., & Samuel, R. (2022, May 3). Die Folgen von sitzendem Verhalten für die Gesundheit junger Menschen [Webtext]. Abgerufen von Jugend in Luxemburg – Digital Documentation and Research Centre (DDRC) auf https://jugend-in-luxemburg.lu/die-folgen-von-sitzendem-verhalten.

https://doi.org/10.17605/OSF.IO/PEKB