Glücklich in Zeiten von COVID-19

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Glücklich in Zeiten von COVID-19?

Wie junge Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft das Leben in Zeiten von COVID-19 wahrnahmen und wie sich dies auf ihr Glücksempfinden auswirkte

Roger Fernandez-Urbano, Moritz Höpner, Robin Samuel

In diesem Policy Brief stellen wir die Ergebnisse einer kürzlich am Centre for Childhood and Youth Research durchgeführten Studie vor. Darin fragten wir Jugendliche in Luxemburg, ob sie glücklich in Zeiten von COVID-19 sind.

Wir wollten herausfinden, wie bei jungen Menschen die Wahrnehmung der COVID-19-Pandemie mit ihrem Glückslevel zusammenhängt. Ferner untersuchten wir, inwieweit diese Wahrnehmungen nach einem Jahr andauernder Pandemie noch von Bedeutung für ihr Glücksempfinden waren und inwieweit diese Wahrnehmungen für junge Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft eine Rolle spielten.

Wir definierten die Wahrnehmung des Lebens in COVID-19-Zeiten als das Ausmaß, in dem junge Menschen die aktuelle COVID-19-Pandemie wahrnahmen und bewältigten. Wir haben Glück als subjektives Wohlbefinden operationalisiert (Veenhoven, 2012).

Es gibt immer mehr empirische Belege dafür, dass globale Krisen wie die COVID-19-Pandemie schwerwiegende langfristige psychologische Folgen haben können. Sie können auch nach dem Ende einer bestimmten Krise noch anhalten.

Viele Regierungen berücksichtigen diese Erkenntnis zunehmend bei der Gestaltung ihrer Konjunkturmaßnahmen und der Vorbereitung auf künftige Krisen (Mondino et al., 2020).

Ein Blick in die Forschungsliteratur: Die Bedeutung der Wahrnehmungsforschung

Zusätzlich zu den traditionellen materiellen Indikatoren, wie zum Beispiel dem BIP-Wachstum, Arbeitslosenzahlen oder Inflationsraten berücksichtigen politische Entscheidungsträger*innen und Wissenschaftler*innen zunehmend, wie die Bürger*innen makroökonomische Krisenkontexte erleben und wahrnehmen.

Wenn wir uns die Wahrnehmung von Menschen ansehen, ist es besonders wichtig zu verstehen, wie die soziale Herkunft sie prägt: Je nach wahrgenommener sozialer Herkunft (das heißt, je nachdem, ob man aus einer Arbeiter*innen-, Mittelschicht- oder reichen Familie stammt) können sich unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität entwickeln und das eigene Glück beeinflussen (Bandura, 1999).

Bei der Beobachtung von Personen mittlerer sozialer Herkunft beispielsweise stellen Forscher*innen immer wieder fest, dass sie höhere Bildungs- und Karriereambitionen haben als ihre Mitbürger*innen niedrigerer sozialer Herkunft.

Wenn diese Ziele schwieriger zu erreichen sind, wie es in Zeiten von Makrokrisen der Fall ist, kann das Wohlbefinden von Personen mittlerer sozialer Herkunft stärker beeinträchtigt werden als bei jungen Menschen mit geringeren Ambitionen (niedrige soziale Herkunft) oder mehr Ressourcen (hohe soziale Herkunft; Kiess und Lahuseen, 2018).

Forschungsdesign: Welche jungen Menschen haben wann an der Umfrage teilgenommen?

Es ist wichtig zu verstehen, wie junge Einwohner*innen Luxemburgs das Leben im Kontext der COVID-19-Pandemie wahrgenommen haben, denn dies fördert unser Verständnis dafür, wie Ungleichheiten während und nach einer Krise erlebt werden und welche Folgen dies für das Wohlbefinden hat.

Wir konzentrieren unsere Analyse auf Luxemburg und befragen dieselben jungen Menschen (12 bis 29 Jahre) zu zwei Zeitpunkten: einige Monate nach Ausbruch der Pandemie im Land (Juli 2020) und ein Jahr später (Juli 2021).

Die Untersuchung der Wahrnehmungen und des Glücks junger Menschen im Kontext von Luxemburg ist besonders relevant: Obwohl das Land das höchste Pro-Kopf-BIP der Welt aufweist und zu den glücklichsten Ländern gehört (Helliwell et al., 2021), hat es einen der höchsten Prozentsätze an erwerbstätigen Personen, die in der EU als arm gelten können (d. h. 11,9 %), die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 24 Jahre alt.

Die Ergebnisse: Die Pandemie hat alle jungen Menschen unglücklicher gemacht, aber einige mehr als andere

Bei der Untersuchung der Frage, wie die Wahrnehmung junger Menschen, in COVID-19-Zeiten zu leben, mit ihrem Glücksniveau zusammenhängt, ergaben sich drei wesentliche Ergebnisse:

  1. Die Wahrnehmung, in einem COVID-19-Kontext zu leben, spielte eine entscheidende Rolle für das Glück aller Jugendlichen in Luxemburg.
  2. Diese Wahrnehmungen sind in Bezug auf die Zufriedenheit der Jugendlichen zu beiden Erhebungszeitpunkten konstant geblieben, auch wenn die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie in Luxemburg bei der zweiten Messung schon relativ gering waren.
  3. Im Vergleich zu Jugendlichen mittlerer sozialer Herkunft schienen die wahrgenommenen Bedingungen besonders wichtig für das Glück derjenigen Jugendlichen mit hoher und mit niedriger sozialer Herkunft zu sein.

Das erste Ergebnis zeigt, dass die COVID-19-Pandemie eindeutig negative psychologische Auswirkungen auf alle jungen Menschen in Luxemburg hatte.

Das zweite Ergebnis zeigt, dass die Wahrnehmung, in einem COVID-19-Kontext zu leben, für das Glück der jungen Menschen auch dann noch von Bedeutung war, als es in der luxemburgischen Gesellschaft Anzeichen für eine Erholung gab. Dieses Ergebnis verdeutlicht, wie junge Menschen weiter mit den psychologischen Auswirkungen globaler Krisen zu kämpfen haben, selbst wenn die unmittelbaren schädlichen Auswirkungen einer Krise bereits abgeklungen sind.

Drittens und am auffälligsten ist, dass die Art und Weise, wie junge Menschen die Pandemiezeit erlebten, wesentlich von ihrer sozialen Herkunft abhing. Im Gegensatz zu dem, was unsere Literaturrecherche vermuten ließ, waren jedoch nicht die Personen mittlerer sozialer Herkunft am stärksten betroffen:

Junge Menschen mit sehr hoher sozialer Herkunft und mit sehr niedriger sozialer Herkunft hatten es viel schwerer, mit der Pandemie fertig zu werden, als junge Menschen mit mittlerer sozialer Herkunft. Dementsprechend war das Glück der obersten und untersten sozialen Herkünfte der jungen Bevölkerung Luxemburgs stärker betroffen. Dies war ein überraschender Befund.

Glücklich in Zeiten von COVID-19

Schlussfolgerung: Wie können wir diese Unterschiede erklären?

Wir argumentieren, dass die privilegierte Position, in der junge Menschen mit hoher sozialer Herkunft in Luxemburg aufgewachsen sind, sie psychologisch anfällig gemacht haben könnte für die Bewältigung einer großen Krise wie der COVID-19-Pandemie, die Unsicherheiten schafft und ihre Freiheiten und ihren Lebensstil zum ersten Mal in ihrem Leben einschränkt.

Im Gegensatz dazu waren junge Menschen mittlerer sozialer Herkunft in Luxemburg möglicherweise eher daran gewöhnt, mit Widrigkeiten im Leben umzugehen. Dies könnte ihr größeres Bewältigungsrepertoire und ihre Resilienzstrategien erklären. Möglicherweise waren sie zuversichtlicher, dass die Pandemie schließlich überwunden werden würde, vor allem, als es Signale der Erholung gab.

Schließlich gibt es in Luxemburg einen hohen Prozentsatz junger Menschen mit niedriger sozialer Herkunft, die in Armut arbeiten. Dies könnte erklären, warum sich junge Menschen mit geringer sozialer Herkunft während der Pandemie besonders verletzlich fühlten, unter Druck standen und bestrebt waren, ihre sozioökonomische Position zu sichern.

Zusammenfassend legen unsere Ergebnisse nahe, dass politische Entscheidungsträger*innen die anhaltenden negativen psychologischen Auswirkungen von Makrokrisen auf die Wahrnehmung junger Menschen und ihre spezifische soziale Herkunft berücksichtigen sollten, wenn sie politische Maßnahmen konzipieren, umsetzen und prüfen, die das Ziel haben, das individuelle und soziale Wohlergehen während und nach globalen Krisen zu fördern.

Zitiervorschlag

Fernandez-Urbano, R., Höpner, M. & Samuel, R. (2022, 7. Oktober). Glücklich in Zeiten von COVID-19? Wie junge Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft das Leben in Zeiten von COVID-19 wahrnahmen und wie sich dies auf ihr Glücksempfinden auswirkte. Jugend in Luxemburg. https://jugend-in-luxemburg.lu/gluecklich-in-zeiten-von-covid-19

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https://doi.org/10.17605/OSF.IO/7N6YM